Wie mit Widerständen umgehen?

Die Bedeutung der kleinen Geräte für die Schülerinnen und Schüler scheint sehr groß zu sein, und es erscheint folglich logisch, dass die Einführung der Handybox mit Widerständen verbunden sein kann. Was kann die Lehrkraft also tun, wenn die Schülerin oder der Schüler das Handy nicht herausgeben will?

Es verwundert nicht, dass sich die Begeisterung der Schülerinnen und Schüler für die Handybox an manchen Tagen in Grenzen hält. Aber genau an solchen Tagen erleichtert übergreifend betrachtet eine gewisse Konsequenz die Arbeit der Lehrkraft. Vielleicht beginnt die Lehrkraft an einem solchen Tag an einem Tisch, bei dem sie aus Erfahrung weiß, dass das Handy diskussionslos in die Box wandert. Wenn erst mal die ersten Geräte in der Box liegen, ist der Rest der Klasse meist kein Problem mehr. Sollte es dennoch bei einer Schülerin oder bei einem Schüler zur Diskussion kommen, ob es denn heute wirklich sein müsse, dann bringen ein paar kleine Kniffe die Lehrkraft ziemlich sicher ans Ziel. Es ist nichts Neues, dass manche Schülerinnen und Schüler die Konsequenz der Lehrkraft austesten, und es ist ebenso nicht neu, dass eben genau dann Konsequenz so wichtig ist. Wenn ich mir in den nächsten Wochen weniger Diskussionen über die Box wünsche, dann sollte das Handy von diesem, jetzt diskutierenden Schüler unbedingt in die Box oder zumindest aus seinem Einflussbereich.

 

Die Mehrzahl solcher Situationen kann schon durch die Argumentation gelöst werden, dass es nur gerecht allen gegenüber sei, wenn die Lehrkraft auch tatsächlich von allen das Handy einsammelt. Es liegen ja bereits Smartphones in der Box und so wird die gewünschte Gerechtigkeit plötzlich sehr greifbar. „Ich sammle von allen die Handys ein, Marvin. Es wäre ungerecht, wenn ich dabei bei Ihnen eine Ausnahme machen würde.“ Oder „Mir ist Gerechtigkeit wichtig. Aus diesem Grund muss ich konsequent sein und tatsächlich jedes Handy einsammeln.“ Es hilft in dieser Situation ungemein, dass eben genau diese Gerechtigkeit für Schülerinnen und Schüler besonders wichtig ist und häufig von Schülerseite eingefordert wird.

 

Sollte an dieser Stelle noch immer diskutiert werden, hat sich möglicherweise schon eine „Arena-Situation“ aufgebaut. Die Klasse hört zu und wartet gespannt ab, was passiert. In einer solchen Arena-Situation geht es häufig gar nicht mehr um den ursprünglichen Auslöser, vielmehr steht plötzlich Schwerwiegenderes im Raum. Plötzlich hat die Schülerin oder der Schüler Angst, sein bzw. ihr Gesicht zu verlieren. Von außerordentlicher Bedeutung ist in diesem Moment sicherlich, jede Form der Demütigung zu verhindern. Es geht in keinster Weise darum, der Schülerin bzw. dem Schüler in diesem Moment zu zeigen, wer das letzte Wort hat. Vielmehr geht die Lehrkraft dem „Kräftemessen“ aus dem Weg und bietet der Schülerin bzw. dem Schüler indirekt andere Möglichkeiten an.

 

Die Lehrkraft geht zunächst weiter und sammelt weitere Smartphones ein. Eine Möglichkeit ist, die Box am Ende bewusst an einem Platz abzustellen, der räumlich weit von der Lehrkraft entfernt ist, und erneut darum zu bitten, das Handy dort hineinzulegen. „Markus, leider kann ich bei dir keine Ausnahme machen. Bitte lege dein Handy hinten in die Box.“ Oder: „Nadine, ich verstehe, dass es dir schwer fällt. Trotzdem möchte ich dich bitten, dein Handy in die Box zu legen.“ Diese räumliche Distanz reicht häufig aus, um – möglicherweise nach einer kurzen Zeit – ohne Gesichtsverlust das Handy in die Box zu legen.

 

Sollte das dann immer noch nicht passieren, sollte die Lehrkraft eventuell noch stärker auf den Wunsch nach Souveränität der Schülerin oder des Schülers Rücksicht nehmen. Die Lehrkraft kann nun eine Wahlmöglichkeit anbieten: „Du kannst dir aussuchen, ob du das Handy hinten in die Box legst oder ob du es vorne auf der Fensterbank ablegst.“ „Kevin, such dir aus, was dir lieber ist: Dort in die Box. Oder in den Schrank an der Seite.“ Die Lehrkraft erreicht somit zwei Dinge: Beide Optionen führen zum gewünschten Ziel und das Wahlrecht gibt der Schülerin bzw. dem Schüler einen Gestaltungsspielraum, der für die Wahrung der Souveränität so wichtig ist.

 

Möglich ist natürlich auch die Schüleraussage, dass er oder sie heute gar kein Handy dabei habe oder sogar grundsätzlich gar kein Handy besitze. In diesem Moment stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage. In den meisten Fällen wird diese Frage jedoch schon durch mindestens eine Mitschülerin oder Mitschüler beantwortet. Die Mitschüler können sich kaum zurückhalten, wenn sie der Meinung sind, dass sich eine Mitschülerin oder ein Mitschüler eine Sonderbehandlung erschleichen möchte. Sehr schnell ist also klar, ob nicht vielleicht doch ein Handy in der Tasche steckt und ich kann mit der oben beschriebenen Argumentation (Stichwort: Gerechtigkeit) versuchen, den Schüler bzw. die Schülerin zur Abgabe zu überreden. Es bleibt natürlich der Beigeschmack der anfänglichen Unehrlichkeit. Um der Schülerin jedoch die Hand zu reichen und ihr „aus dieser Ecke herauszuhelfen“, wird die Lehrkraft vermutlich darüber hinwegsehen und die nachfolgende Ehrlichkeit würdigen: „Es gefällt mir, dass sie jetzt doch so ehrlich sind.“ Oder: „Ihre nachträgliche Ehrlichkeit ehrt Sie sehr!“. Sollte die Schülerin oder der Schüler jedoch auch nach mehrfachem Nachfragen dabei bleiben, dass sie bzw. er kein Smartphone dabei habe, dann akzeptiert die Lehrkraft diese Aussage und drückt damit auch Vertrauen aus. Möglicherweise führt gerade dieser erlebte Vertrauensvorschuss bei der unehrlichen Schülerin oder dem unehrlichen Schüler dazu, dass sie bzw. er in Zukunft ehrlicher ist.

 

Bei all diesen Ausführungen sollte eines deutlich werden: Die Haltung der Lehrkraft ist von entscheidender Bedeutung. In Anlehnung an Marshall B. Rosenberg und dessen Gewaltfreie Kommunikation versucht die Lehrkraft, Aggression und Demütigung im Umgang mit ihren Schülerinnen und Schülern unbedingt zu vermeiden.